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Arctic Horseback Expeditions

SVAÐILFARI-Tourbericht

von Franz Lerchenmüller

Der Regen fällt, die Karawane zieht weiter. Schwarz glänzen die Sättel vor Nässe, in den Gore-Tex-Schuhen schmatzt das Wasser, alles trieft, träufelt, tropft. Wo Pfade waren, schießen Bäche zu Tal, die rotbraune Erde ist weich wie Brei, manchmal sinken die Pferde bis zu den Knien ein. »Gratulation zur Premiere«, sagt Thórður Halldórsson, grinst und wischt sich das Wasser aus dem Gesicht, »so ein Wetter hat in den letzten zwölf Jahren keine Gruppe erlebt.« Ein wenig Verzweiflung schwingt dabei freilich mit. Sicher stellt er sich gerade vor, wie dieser Tag zu Ende geht: zwölf Männer und Frauen in der großen Kohte, fröstelnd im feuchten Schlafsack, während das nasse Treibholz im Kanonenofen qualmt und unterm Zeltdach Socken dampfen und Gamaschen tröpfeln.

Wenn, von Mitteleuropa aus gesehen, Island so ziemlich am Rande liegt, befinden sich aus isländischer Perspektive die Westfjorde ganz schön im Abseits: eine Halbinsel mit mehreren Fingern, ein Vorposten aus Fels weit draußen im Atlantik, baumlos, wenig besiedelt und schwer zugänglich. Genau dort ist die Karawane unterwegs, 20 Pferde aus Island, 12 Reiterinnen und Reiter aus Deutschland, Holland, Kanada und auch aus Island. Mal an der Küste entlang, mal über Bergpässe werden sie die nördliche Halbinsel Strandir umreiten und nach einer Woche quer über den Gletscher Drangajökull zum Ausgangspunkt Laugaland zurückkehren.

Kalter Wind fegt vom Fjord hinauf, bis unter die Helme der Reiter, ganz oben am Berg ist frischer Schnee gefallen. Hoch authentisch ist das alles, hier auf dem Schwarzen Pass, ein Wetter für wahre Wikinger – aber muss es wirklich gleich so übertrieben echt daherkommen? Dazu spürt jetzt, wer lange nicht im Sattel saß, ganz unbekannte Muskeln: Hätte ein Kotelett Empfindungen, so ähnlich fühlte es sich nach dem Klopfen.

Selbst an dem Holzkreuz, das an Eyvindur, den Outlaw, erinnert, will nicht die rechte Andacht aufkommen. Aber vielleicht sind eine kalte Fischfrikadelle und ein Schluck Cognac ja die passende Art, des Gesetzlosen zu gedenken, der im 18. Jahrhundert hier durch die Berge stromerte.

Unten dann, in der Bucht von Furufjörður, wälzt der Fluss Wassermassen heran. Hinein mit Pferd und Reiter in die Fluten, auch wenn diese bis zu den Schenkeln reichen – jetzt kommt’s schon nicht mehr drauf an. Am Ende der Ebene, auf einer Wiese am Meer, ordnet Thórður »Absatteln!« an. Er zieht den Elektrozaun um die Herde, schließt den tragbaren Akku an und dann – dann gibt es doch noch so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit in Island: Als die Bewohner des großen Holzhauses der durchweichten Jammerfiguren ansichtig werden, können sie gar nicht anders: Sigrún Guðmundsdóttir und Sveinbjörn Björnsson machen ihre Türen weit auf – die Nacht im Zelt entfällt.

»Heaven, we're in heaven«, singt Marie, die Elektrikerin aus Holland. Kaffeeduft überlagert den Geruch der trocknenden Schuhe. Svavar, der pferdebegeisterte alte Bauer aus dem Süden des Landes, stöhnt stillvergnügt, als Thórður zum Abendessen gebeizte Forelle auf die Plastikteller häuft, ein Stück nach dem anderen, mit hausgemachter Remoulade. Und die Gruppe ist sich ausgesprochen einig: Vier Wände, ein Dach, ein paar Matratzen – wie einfach das Paradies manchmal doch beschaffen sein kann!

Am nächsten Morgen Reiteralltag. Frühstück mit hausgebackenem Fladen und geräucherter Lammkeule, danach der angestrengte Versuch, nasse Socken, den trockenen Pullover für die Nacht, Zahnbürste und den restlichen Wochenbedarf an Zivilisation in die beiden Satteltaschen zurückzustopfen. Pferdesatteln ist Aufgabe aller, die Packpferde zu beladen behalten sich die isländischen Begleiter vor. Und wie jeden Morgen dauert es, bis der ganze Tross sich in Bewegung setzt.

Immer vorneweg Thórður im uralten, schon löchrigen Ölmantel. Thórður sieht mit seiner Glatze und den buschigen Brauen einem jungen Louis de Funès nicht unähnlich. Die Rolle als Touristenführer ist nur eine in seinem Leben, aber sicher eine seiner liebsten. Dazu kommen noch die des Schafzüchters, Postboten, Fuchsjägers und Familienvaters. Mit warnendem »Hohoho!« bremst Thórður Pferde, die vorwitzig zu überholen versuchen, vorsichtig untersucht er verknackste Knöchel von Pferden wie Menschen, brät abends Lammsteaks und verteilt Schokoladenkekse. »Schmiert Butter drauf, ihr benötigt Energie!«. Vor allem aber ahnt er, wer wann welche Worte braucht. So hat jeder in jedem Augenblick das Gefühl, diese Reise keinesfalls missen zu wollen – auch wenn man gerade eisige Bäche den Rücken hinunterlaufen spürt.

Die Sonne bricht durch und lässt Gesichter und Gelände erstrahlen. Zur Rechten steigen die Berge an, grün und grau, mit ein wenig Schneeweiß und Hahnenfußgelb geschmückt. Abgeflachte Basaltterrassen leuchten wie verwitterte Maya-Pyramiden, klein und verlassen trotzen Häuser mit roten Wellblechdächern dem Wind und der Zeit. Noch vor 100 Jahren war die Gegend hier dicht besiedelt, Schafzucht und Fischfang machten ein Auskommen möglich. Doch die Schulen waren weit weg, die Winter einsam, jede Krankheit wurde zum Vabanquespiel. 1959 verließen die letzten Bauern die Buchten. Jetzt kehren die Ersten ihrer Enkel zurück: Jón Friðrik Jóhannsson schenkt im weltverlassenen Sútarabúðir in seinem Wohnzimmer Kaffee aus und hofft, dass ein Geschäft draus werden könnte. Die Gruppe hungriger Kuchenesser bessert seine Bilanz erfreulich auf, in diesem Jahr zählte er bisher gerade mal 120 Gäste.

So wenig Menschen – so viel Platz für Natur. Zwischen den Steinen blüht gelber Mohn, Schneehühner flattern erschreckt auf, und auf Felsen fläzen sich Robben volle Rolle und äugen neugierig herüber. Schwarze, weiße, braune, falbe und gescheckte Pferde galoppieren mit wehenden Mähnen, fliegenden Packtaschen und strahlenden Reitern durch den flachen Fjord, dass das Wasser nur so spritzt.

Wo das Land so leer ist, sind Sensationen rar. Umso tiefer haften Dramen jeder Art im Gedächtnis. An Steinen, Mauern, Buchten hängen Geschichten. Hinter Sandeyri etwa erschlugen Bauern einst spanische Walfänger, die zufällig hier gestrandet waren. Auf Snæfjallaheiði wollte der Postmeister 1923 im Blizzard einen Fremden über die kahle Hochebene geleiten. Und war, rumms!, ganz plötzlich samt Pferd vom Erdboden verschwunden. Vor den Füßen seines Begleiters klaffte ein Loch, darunter röhrte, 300 Meter tiefer, die See – eine Schneewächte hatte sich über die Felskante vorgeschoben. Von den acht Männern, die zu seiner Bergung aufbrachen, kamen vier in einer Lawine um.

Heldensagen. Die eigentlichen Helden dieser Tage aber heißen Funi, der Feurige, Illhugi, schlechter Gedanke, und Sunna, die Sonnige. 80 000 Pferde gibt es auf Island. Damit die Rasse rein bleibt, darf schon seit 930 kein Artgenosse mehr eingeführt werden. »Islandpferde verbringen einen großen Teil ihres Lebens in der Wildnis«, sagt Thórður. »Sie sind kleiner als andere Pferde und sehr gutmütig und ausgeglichen.« Vor allem aber gelten sie als trittsicher – was freilich nur sehr dürr beschreibt, mit welcher Vorsicht Egg oder Sóley ihre Schritte setzen und unverletzt über scharfkantiges Geröll, durch schwarzen Morast oder ein felsübersätes Flussbett staksen.

Am fünften Tag tauchen in einer weiten, von Flussarmen durchzogenen Bucht die vier, fünf Gebäude von Reykjarfjörður auf. Küstenseeschwalben stoßen beim Näherkommen gellend auf die Gruppe, weshalb Ragnar Jakobsson auch nie ohne Helm aus dem Haus geht. Der 72-Jährige mit den wasserblauen Augen, der sich 1953 einen Namen machte, als er die 400 Meter hohen Vogelfelsen von Hornbjarg erstieg – in Gummistiefeln, versteht sich –, verbringt seit Jahren den Sommer dort, wo er geboren wurde. Sein Vater hat schon im Jahr 1937 das erdgeheizte, 30 Grad warme Freibad erbaut. Zwölf hart geprüfte Reiterhintern danken es ihm heute still.

Treibholz säumt die Bucht, als hätte ein Riese seine Streichhölzer verstreut. In Sibirien wurden diese Stämme einst zufällig ins Meer gespült und mit der Strömung hierhergetragen. Sie waren zwischen sechs und zwölf Jahre unterwegs und gelten aufgrund ihrer Salzwasserimprägnierung als besonders haltbar. Stolz führt Ragnar seine dieselgetriebene Säge vor: Boote, Möbel, Zaunpfähle – alles stellt der Tischler aus den silbergrau verwitterten Kiefern und Lärchen her.

Am Horizont thront der Drangajökull. Zwischen ockerfarbenem Vulkangestein, in dem poröse Lavabrocken verstreut sind wie versteinerte Schwämme, windet sich der Pferdezug hoch zum Gletscher. Vorsichtig arbeiten sich die Tiere voran über verharschten Schnee und matschiges Eis. Unbeirrt, verwaschenen Farbflecken im Schneegestöber gleich, zieht der Trupp dahin, gleich dem Schlussbild eines Films, in dem Indianer das Reservat verlassen und ihre letzte Zuflucht in den Bergen suchen.

Unten wartet die Ebene. Dort angelangt, fallen die Pferde, als wären sie plötzlich alle Lasten los, in den Tölt, jenen schnellen, bequemen Schritt, den nur Isländer richtig beherrschen. Fast unaufhaltsam preschen sie jetzt voran, jagen über die Grassteppe und durch gischtende Flüsse, im Sprung das Ufer hoch, und weiter, immer weiter, nie sollte es enden, wünschen die Reiter wie in Trance. Viel zu schnell ist der Hof erreicht, übermütig wälzen die Gäule sich auf der Weide, schon vergessen, diese Woche vager Gemeinsamkeit mit einem Menschen.