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Arctic Horseback Expeditions

SVAÐILFARI-Wanderritt im Sommer 1999

von Ása Ketilsdóttir
(Aus dem Isländischen von Helga Karig)

42 Jahre wohnte ich nun schon auf Laugaland und hatte den Snæfjallaströnd – „Schneebergestrand“ – tagtäglich vor meinen Augen gehabt, wenn es die Sicht erlaubte. Ich hatte auch stets an der Vorbereitung der Touren, die mein Sohn Thórður durchführt, mitgewirkt, aber nie war mir in den Sinn gekommen, dass ich selbst einmal teilnehmen sollte. Als jedoch meine Verwandte und Freundin Jenný Karlsdóttir beschloss, sich diesen Wanderritt zu ihrem 60. Geburtstag zu schenken, und Thórður mich fragte, ob ich nicht auch mitkommen wolle, ich könnte das jedenfalls – da sagte ich: „Ja, gern!“, und somit war die Sache beschlossen.

16. und 17. Juli. Der erste und zweite Tag.

Am 16. Juli wurde von Laugaland aus durch die Gletscherlagune Kaldalón geritten, den Strand entlang, vorbei am alten Gehöft Bæjarhlíð und bis nach Tyrðilmýri. Anschließend fuhr man zurück nach Laugaland, um dort zu übernachten. Ich war zu Hause geblieben, weil ich glaubte, ich hätte noch viel zu viel zu tun und täte besser daran, auf den ersten Tag der Tour zu verzichten. Aber das war natürlich dumm gewesen. Nun, dabei waren Thórður als Führer, Jenný aus Akureyri, Helga aus Deutschland und Maja aus Reykjavík.

Am 17. Juli wachte ich um fünf Uhr auf und überdachte noch einmal die ganze Ausrüstung und Verpflegung. Um neun Uhr wurden Teilnehmer und Gepäck im Auto verstaut und nach Tyrðilmýri gefahren. Zwei Stunden später waren wir mit Satteln, Aufzäumen und dem Aufladen der Lasten fertig und schlugen den Pfad in Richtung Norden ein. Allen voran Thórður auf Váli, dem grauen Traber aus dem Gilsfjord, dahinter die beiden Packpferde Egg und Thrymur. Anschließend kamen die Ersatzpferde: Vera, eine dunkelbraune Prachtstute, sehr eigenwillig und schwer einzufangen, und drei Schimmel, Faxi, Hrímböðull und Illugi, die immer alle das Sagen haben wollten; aber Vera hielt sie stets hinter sich, was ich als Anlass dazu nahm, ihr diese Anerkennung auszusprechen:

Fallega Vera veginn fer
víkur ekki af slóða
Og af fákum flestum ber
forystuhryssan góða.

„Die schöne Vera geht den Weg,
weicht nicht von der Spur.
Die meisten Pferde übertrifft
diese gute Leitstute.“

Dann kam Helga auf Funi, dem Fuchs, den sie vor zwei Jahren geritten und sich nun wieder gewünscht hatte, Jenný auf Litla-Jörp, Maja auf Hæra, und ich hatte mir den Braunen Goði gewählt, den ich gut vom Schafabtrieb der vergangenen Jahre kannte. Ganz am Schluss ging die kleine Lichtfuchs-Stute Sóley, die von Vera und den Schimmeln, den Angebern, immer geärgert wurde.

Dies war also unsere Truppe, die jetzt dem großen Abenteuer entgegensah. Siggi und Anna Dóra auf Tyrðilmýri wünschten uns alles Gute und versprachen, den Ofen und eine Proviantkiste mit dem Boot nach Ytra-Skarð zu bringen, denn nun brachen wir in ein Gebiet auf, in das keine Straße führt. Dúna und Klein-Sunneva fuhren mit dem Auto zurück nach Laugaland und wir machten uns auf den Weg, bei bewölktem Himmel und Nieselregen hinten im Fjord. Aber es war nicht allzu kalt und die Wetteraussichten waren einigermaßen gut. Wir wollten um drei Uhr Ytra-Skarð erreicht haben, weil Maja und Thórður auf einer Hochzeit in Ísafjörður eingeladen waren und sie von dort mit einem Boot abgeholt werden sollten. Doch vorher müssten wir noch die Pferde einzäunen, das Zelt aufbauen und den Ofen anzünden.

Der Ritt verlief gut. Überall wuchs dichtes, hohes Gras und die Beerensträucher sahen außerordentlich vielversprechend aus. Wir ritten oberhalb von Hávarsstaðir und Bergssel, zwei verlassenen Gehöften, vorbei und kamen zum Grímshamarsklif. Am Steilhang lag ein großes Schneefeld, das uns den Abstieg erleichterte.

Auf gutem Pfad gelangten wir nach Hlíðarhús. Hier hatte meine Schwiegermutter Helga ihre ersten Lebensjahre verbracht. Als Sechsjährige war sie mit ihren Eltern von hier fortgezogen und niemals mehr an diesen Ort zurückgekehrt. Doch hatte sie sich die verschiedensten Kindheitserinnerungen von hier bewahrt. Sie konnte von jedem Haus und seinen Bewohnern erzählen, von allen Flurnamen und dem ganzen Gelände und welch eine Freude es gewesen sei, singend unter den Felswänden umherzulaufen und dem Echo der Lieder zu lauschen. Aber jetzt liegt hier alles verödet.

Á ströndum leynist lítil slóð
þó leiðin sé fæstum kunn
Ég horfi í kvöldsólar kulnandi glóð
hún kastar geislum á öldunnar flóð
er brotnar við bæjarins grunn.

Í bernskunnar sveit er hvert býli autt
frá Bjarnarnúps ystu rein
Í Unaðsdalshvömmum allt er snautt
iðandi mannlíf horfið, dautt
þar ríkir nú auðnin ein.
(Ása)

„Am Strande versteckt sich ein kleiner Pfad,
doch ist der Weg den wenigsten bekannt.
Ich schaue in die erlöschende Glut der Abendsonne,
sie wirft ihre Strahlen auf die Flut der Wellen,
die sich am Grund des Hofes brechen.

Im Lande der Kindheit sind alle Gehöfte verlassen,
weithin bis zum Bjarnarnúpur.
Bei den Engelwurzpflanzen im Unaðsdalur ist alles verödet,
sprühendes Menschenleben verschwunden, tot,
dort regiert nun allein die Wildnis.“

Wir halten nicht an in Hlíðarhús, ich schaue jedoch zum Wasserfall Möngufoss hinüber und denke, jetzt müsste ich eigentlich Helga die Geschichte von den Zauberin Manga erzählen, nach der der Wasserfall benannt ist. Aber da reiten wir schon in den Fluss hinein, der an der Hauswiese entlangfließt. Er ist ungeheuer reißend und sehr steinig, sodass wir ihn erst recht weit unten am Strand durchqueren können. Und schon befinden wir uns in einem neuen und unbekannten Gebiet, in dem ich noch nie zuvor gewesen bin.

Der Weg von Hlíðarhús zur Bucht Sátuvík verläuft oberhalb des Steilufers. Hier gibt es viele Blumen und wucherndes Birkengestrüpp, das sich mit seinen langen neuen Trieben über den Pfad biegt. Vier rosarote Pflänzchen von Geflecktem Knabenkraut stehen in einer Gruppe auf der Südseite einer Grasbülte und irgendwo hier am Snæfjallaströnd muss auch der sehr seltene Rollfarn wachsen. Aber ihn sah ich nicht.

Die Sátuvík ist eine kleine Bucht mit üppiger Vegetation; Geruchlose Strandkamille und Strand-Blauglöckchen wachsen am Ufer. An der Nordseite liegt ein gewaltiger Bergrutsch. Der Pfad schlängelt sich zwischen großen Felsklötzen und Geröll hindurch, aber ist dazwischen grasbewachsen, und schließlich biegt er zum Meer hinab. Unterhalb einer Anhöhe aus großen Felsblöcken befindet sich ein alter steinerner Schafspferch. Hier erklärt uns Thórður, wir hätten unser Tagesziel erreicht. Nun sind schnelle Hände am Werk, einige halten die Rosse, während andere Stangen in den Boden stechen und den Elektrodraht daran befestigen. Danach können wir Zaumzeug, Sättel und Packtaschen abnehmen und das Zelt aufbauen.

Wir hatten von Tyrðilmýri bis Ytra-Skarð nur zwei Stunden gebraucht und sahen nun einem langen und erlebnisreichen Tag mit allerlei Entdeckungen entgegen. Ein Seeadler hatte uns die Ehre gemacht, uns zu begleiten, schwang sich mit weit ausgebreiteten Schwingen in den Himmel auf und erfreute Helga, die noch nie einen Seeadler gesehen hatte. Draußen vor der Bucht lag ein Seehund auf einem Stein und schaute mit seinen großen Kinderaugen zu uns herüber. Dies war eine gute Gelegenheit, Helga alte Verse über diese Geschöpfe beizubringen.

Über den Adler:

Hafðu ekki hátt um þig
heyrir til þín örnin
Kári úti hvessir sig
kann að taka börnin.

„Mach keinen Lärm,
der Adler kann dich hören.
Der Wind draußen wird schärfer,
er kann kleine Kinder packen.“

Und diesen alten Zauberspruch:

Kobbi, kobbi komdu á land
klæddur loðnu skinni
Óðinn reki þig upp í sand
eftir beiðni minni.

„Seehund, Seehund, komm an Land,
in weiches Fell gekleidet.
Odin treibe dich auf den Sand
entsprechend meiner Bitte.“

Nun sahen wir plötzlich Siggi und die beiden Anna Dóras, eine große und eine kleine, die uns die Sachen brachten, die wir in Tyrðilmýri zurückgelassen hatten. Der Ofen war neu, sodass man ihn draußen anzünden und eine Weile ausbrennen lassen musste; es qualmte ziemlich, und schließlich musste noch das Rohr abkühlen. Jetzt war auch das Boot aus Ísafjörður gekommen und schickte ein Ruderboot los, um Thórður und Maja an Bord zu holen. Und wir drei blieben in der Wildnis zurück, wie Robinson Crosoe!

Es gab genug zu erkunden und viele Fotomotive für meine Gefährtinnen, die nun eifrig ihre Kameras benutzten. Direkt hinter der Landzunge, die in grauer Vorzeit durch den Bergrutsch entstanden war, lag eine wunderschöne kleine Bucht, in die der Fluss Ytraskarðsá mündete. Dort war ein Fischer aus Ísafjörður mit Netz und Angel zugange, und uns kam der Verdacht, dass es wohl nicht ganz klar um seine Genehmigung stünde. Wir riefen nach ihm und baten ihn um Fisch; zuerst schien er nicht abgeneigt, uns welchen zu geben, aber am Ende wurde doch nichts daraus.

In einer tiefen Spalte im Geröll fanden wir einen gut zwei Mann hohen Birkenstamm, sicherlich der größte Baum nördlich der Kaldalón. Einige Rotdrosseln waren unterwegs, die einzigen, die wir auf der gesamten Tour sahen, und zwei Goldregenpfeifer sangen auf Grasbülten oben am Fluss. Einige Male hörten wir gewaltiges Donnern, als Schneebretter die Felswände herunterkamen und hellbraune Streifen auf den Schneefeldern zurückließen, denn jetzt war die Sonne hervorgekommen und da taute es in den Felsspalten. Die hohen Felswände ragten über uns und die Scharte Ytra-Skarð gähnte wie ein riesengroßes Tor zum Märchenland.

Schließlich ließen wir das Umherstreifen und gingen zurück zum Zelt. Nun machte es sich gut, dass Helga und Jenný beide Pfadfinderinnen waren: Jenný zündete den Kocher an und Helga nahm sich den Ofen vor.

Undir hverju rifi ráð
reyndist Jenný hafa
Prímus vakti vel með dáð
var það gert án tafa.
(Ása)

„Unter jeder Rippe hat Jenný
einen Rat, wie sich zeigte.
Der Primus-Kocher wachte gut mit Kraft,
es gab keine Verzögerungen.“

Dann backte Jenný Brot nach Pfadfinderart und wir saßen dort in größter Behaglichkeit. Helga wollte gern Geschichten und Verse hören, was sich natürlich leicht erfüllen ließ, und es wurde ein langer vergnüglicher Abend.

18. Juli. Der dritte Tag.

Um acht Uhr wachten wir auf, zumindest ich. Nebel und schwere Wolken, ein bisschen hatte es geregnet. Die Party-Leute waren gegen ein Uhr nachts zurückgekommen und sagten, alles sei bestens verlaufen. Haferbrei wurde gekocht und Kaffee, für die, die wollten, und außerdem aßen wir Brot mit allerlei Belag. Wir schaufelten uns gut voll, denn der Tag lag noch vor uns und bis zum Abend würde es nur ein wenig Proviant geben.

Gegen Mittag ließen wir die Pferde aus der Umzäunung und trieben sie nach Norden, aber Vera hatte beschlossen, dass wir jetzt weit genug gekommen seien, und schoss mit den frei laufenden Rossen in die entgegengesetzte Richtung davon. Jetzt nahmen alle die Verfolgung auf – außer mir, ich sollte warten. Goði gefiel das überhaupt nicht und er begann mit mir auf dem Rücken einen wilden Kriegstanz, rückwärts und seitwärts, aber nichts passierte und ich bemerkte wunderschöne Teppiche von hochgewachsenem Polster-Steinbrech in einer kleinen Senke am Flussufer.

Schließlich erschienen die Ausreißer und wir ritten weiter die Küste entlang in nördlicher Richtung. Nun lag der Pfad unten am Strand, denn das Steilufer war oben glitschig und unpassierbar. Allerdings ist der Strand steinig und oft versperren Felsklötze den Weg. Jetzt war Flut, aber bei Ebbe kann man weit hinaus reiten und dann ist das ein vortrefflicher Weg. Am Strand wuchsen Strand-Blauglöckchen, Echtes Löffelkraut, Geruchlose Strandkamille, Engelwurz, Arktischer Meersenf und Salzmiere.

Wir näherten uns Sandeyri. Hier steht ein großes, stattliches Wohnhaus aus Stein, früher gab es hier noch weitere gute Gebäude. Die Hauswiese eben und mehr Flachland als anderswo. Die Pferde rannten weiter und schneller als gedacht waren wir an der Berjadalsá, dem „Beerentalfluss“, angelangt. Dort machten wir Rast und aßen etwas Trockenfisch und Schokolade. Das Wetter war harmlos, aber feuchter Nebel hing in der Luft, sodass wir nicht hinauf bis zur Kante der Snæfjallaheiði, der „Schneebergehochfläche“, sehen konnten. Jenseits des Ísafjarðardjúp erhoben sich die Berge Hestur, Kofri und Sauratindar und weiter draußen die Hyrnur mit der Óshlíð als Brünne.

Schließlich nahmen wir das steile Schneefeld in Angriff, zuerst zu Pferde, aber bald stiegen wir ab und führten. Ich sprach zu Goði diese Worte:

Komdu Goði greyið mitt
götuna tæpa stildrum
Þraukum saman þetta og hitt
þegar upp við tildrum.

„Komm, mein armer Goði,
lass uns den schmalen Pfad trotten.
Wir bewältigen gemeinsam dieses und jenes,
während wir bergan klettern.“

Höher und höher gelangten wir über abschüssige Schneehänge, abwechselnd zu Pferd und zu Fuß. Die Vegetation veränderte sich, Farne tauchten auf, große grüne Büschel – Alpen-Frauenfarn – reihten sich in kleinen Bodensenken und im Windschatten unter Erdkanten aneinander, auch Lanzenfarn und Isländisch Moos. Jetzt konnte man alle Küstenorte jenseits des Ísafjarðardjúp sehen, Súðavík, Ísafjörður, Hnífsdalur und Bolungarvík, und als wir oben auf der Hochfläche angelangt waren, sahen wir den Anfang des Súrnartales jenseits der Snæfjöll, der „Schneeberge“, und die überhängenden Schneewechten am Berg Bjarnarnúpur, wo einst der Postbote Sumarliði zusammen mit seinem Pferd abstürzte.

Helga hatte nun schon so viele Verse gehört, dass sie anfing, selbst Vierzeiler auf Isländisch zu dichten, und ich war wirklich stolz auf meine Schülerin, als sie mich folgendes hören ließ:

Farðu áfram Funi minn
fræknastur allra hesta
Um þig skal í annað sinn
yrkja ljóðið besta.

„Geh vorwärts, mein Funi,
tapferstes aller Pferde.
Über dich will ich ein weiteres Mal
das beste Loblied dichten.“

Die Snæfjallaheiði ist ziemlich weitläufig, aber mit Steinwarten markiert. Nun hatte es aufgehört zu regnen, doch am anderen Rand der Hochfläche zog dichter Nebel aus der Bucht Grunnavík herauf und hüllte uns völlig ein. Thórður bat uns, eng zusammenzubleiben, weil nun der Pfad undeutlicher würde und nicht sicher sei, ob wir die nächste Steinmarkierung finden würden. Und genau das passierte! Ich fand den Abstieg recht beschwerlich, aber alles ging gut und groß war die Freunde, schließlich aus dem Nebel herauszukommen und auf die Ebene in der Bucht Grunnavík hinunterzublicken.

Sehr auffällig sind große Teppiche von Süßdolde, die weite Flächen unter sich bedecken, durchmischt mit Engelwurz. Der Pfad führte hinunter zum Strand und durch den Urwald dieser Pflanzen zum Vorplatz des Sommerhäuschens von Steinunn und Kristbjörn Eydal, die uns Kaffee anboten, aber die freilaufenden Pferde stürmten weiter und wir jagten auf gutem Weg hinterdrein nach Staður, wo die Pferde anhielten. Hæra hatte ein Hufeisen verloren und musste nun neu beschlagen werden; es war das einzige Hufeisen, das auf der gesamten Tour abhanden kam.

Ich ging eine Weile über den alten Hofplatz von Pfarrer Jónmundur Halldórsson und sah mir seine Kirche mit dem verzierten Türring an, der aus der Schatztruhe vom Maríuhorn stammen soll. Die Kirche ist ein wunderschönes Gebäude, und umso erfreulicher ist es zu wissen, dass sie nun neu gestrichen werden soll und zwar in den ursprünglichen Farben. Pfarrer Jónmundur kam von Barð í Fljótum und sein Dienst hier dürfte wahrlich kein leichtes Brot gewesen sein. Die Auszüge aus seinen Tagebüchern in der Grunnvíkingabók seien jedermann zur Lektüre empfohlen.

Hier wird nicht immer alles so üppig bewachsen gewesen sein, wie es jetzt ist. Jedenfall sahen wir entlang des Tales Staðardalur und den Bergrücken hinauf überall ausgezeichnetes Heuland in weit ausgedehnten Moorwiesen, ebenso schön die Ebene entlang des Flusses Staðardalsá, der von Süden aus dem Gebirge kommt. Büsche von Grüner Weide zeigten sich auch vereinzelt und Alpenhelm wuchs in großen lila leuchtenden Teppichen. Man sieht sehr deutlich, dass hier nun keine Schafe mehr weiden, aber gleichzeitig wirkt dadurch die Landschaft auch leerer, zumal es kaum Vögel gibt. Drei oder vier Regenbrachvögel flöteten uns ein Reiselied über den Bergrücken Staðarháls, aber das war auch alles.

Wir genossen den guten Weg, der von Staður bis etwa Flæðareyri führt. Die Pferde willig, Nebel in der Mitte des Berghanges, aber trocken – das war die Hauptsache. Dann sahen wir hinüber in die Fjorde auf der anderen Seite: Veiðileysufjörður, Lónafjörður und Hrafnfjörður. Auch die drei alten Gehöfte Kollsá, Höfðaströnd und schließlich Höfði, wo der heutige Tag enden sollte. Bei Höfðaströnd ging es am Strand entlang. Engelwurz und Strandroggen wie ein Urwald, dazu Strandkamille und Strand-Blauglöckchen als Unterwuchs. Sodann nahmen wir Kiesflächen und Moorwiesen, bis wir auf dem Hofplatz von Höfði ankamen. Die Hauswiese leuchtend gelb von Hahnenfuß war wunderschön anzusehen, aber nicht ganz so gutes Weideland.

Um acht Uhr hatten wir eingezäunt und gingen ins Haus. Die Decke im alten Wohnhaus von Höfði ist niedrig und die Räume sind eng, aber das macht es besonders gemütlich für eine kleine Gruppe. Im Erdgeschoss befinden sich eine Küche und ein Zimmer, das einmal die gute Stube gewesen sein muss, und oben unter dem Dachgiebel sind zwei weitere kleine Zimmer. Nun machten wir Abendessen, holten Wasser, kochten Kartoffeln und Fischklöße, dazu gab es Flachbrot und Salat. Eine Proviantkiste war uns per Boot vorausgeschickt worden. Nachdem alle gesättigt waren, wurden Lieder gesungen, Balladen aufgesagt und Verse gereimt, und wir hatten den größten Spaß.

Trotzdem war es schließlich ein Genuss, in den Schlafsack zu kriechen und ins Land der Träume zu entschwinden. Und mittlerweile hatte ich auch herausgefunden, wie man mit diesen neumodischen Schlafsäcken umgeht!

19. Juli. Der vierte Tag.

Noch immer hingen leichte Nebelschleier an den Berghängen, aber es war windstill und ziemlich mild, ausgezeichnetes Reisewetter. Jetzt wurden Leute ausgetauscht: Um acht Uhr kam ein Boot in die Bucht von Höfði mit Auður und Guðmundur, die hier zu unserer Gruppe dazustoßen sollten; Maja dagegen musste uns verlassen. Wir ließen diese gute Kameradin und tüchtige Reiterin nicht gerne ziehen, aber die Umstände erlaubten es ihr nicht, länger mit dabeizusein.

Nun wurde gepackt, gefrühstückt, sauber gemacht, die Lasten für die Packpferde wurden abgewogen. Thórður nahm jetzt Vera zum Reiten, sodass sie sich nun mit Sattel und Zaumzeug abfinden musste. Helga und ich gaben unserem Aufenthalt in Höfði gute Beurteilungen – aber hierbei muss erwähnt werden, dass gewisse Wörter nur vorkommen, um das Reimschema zu erfüllen!

Í Höfða gistum, góð var lyst
grynnt á vistarföngum
Svo var tvistað, svo var kysst
samt var mistur löngum.
(Ása)

„In Höfði übernachteten wir, groß war der Appetit,
er wurde gestillt durch die Verpflegungsvorräte.
Dann wurde Twist getanzt, dann geküsst,
dennoch war lange Zeit Nebel.“

Ekki sólin alltaf skín
er þó samt jafn gaman
Að drekka kaffi, kakó, vín
kveða og yrkja saman.
(Helga)

„Auch wenn die Sonne nicht immer scheint,
ist es doch stets die gleiche Freude,
Kaffee, Kakao und Wein zu trinken,
gemeinsam zu singen und zu dichten.“

Dann brachen wir auf in Richtung Flæðareyri. Auf der Höhe sahen wir eine Polarfuchsfamilie im Morgenlicht spielen, die Thórður und Guðmundur, die beiden Jäger, mit besonderem Interesse verfolgten. Doch hier war nicht ihr Jagdrevier.

Am Rand der Heuwiese fand Egg plötzlich, dass Funi ihr zu nahe gekommen sei, und schlug nach ihm aus. Dabei wurde Helga, die auf ihm ritt, am Knie getroffen. Jetzt machte es sich gut, dass wir mit Auður eine erfahrene Krankenschwester dabeihatten. Zum Glück war nichts gebrochen, doch die Wunde blutete und schwoll blau an. Helga war sehr tapfer. Trotz starker Schmerzen stieg sie wieder aufs Pferd und jammerte nicht.

Auf Flæðareyri war einiges im Gange. Jóhanna Jóhannesdóttir aus Dynjandi feierte dort ihren Geburtstag mit vielen Gästen, Verwandten wie Freunden. Das alte Versammlungshaus befindet sich immer noch in sehr gutem Zustand – alle vier Jahre finden dort Zusammenkünfte statt – und das zeugt wahrlich von dem Idealismus und der Tatkraft der Leute, die es damals unter den schwierigen Umständen gebaut hatten. Eigenartig, die vielen bunten Hauszelte zu sehen, die dort innerhalb der letzten 24 Stunden aufgestellt worden waren. Bald würden sie wieder verschwinden und das Versammlungshaus mutterseelenallein in der Wildnis zurücklassen.

Weiter führte der Pfad in den Fjord Leirufjörður hinein, am Rande der Heuwiese von Dynjandi entlang. Hier sieht man noch die Grundmauern des alten Bauernhauses, Fensteröffnungen des Kellers gähnen gen Himmel und die Felszacken im Dynjandisdalur ragen aus der Bergkante empor. Jetzt zeigten sich hübsche bunte Alpenhelm-Teppiche, ähnlich wie an den Hängen beim Gehöft Bæir am Snæfjallaströnd. Farbschattierungen von Hellrosa bis Weinrot, wunderschön! Unterhalb des Flusses Dynjandisá stehen Sommerhäuser und dort waren Leute, die uns eine Stärkung anboten, was wir gerne annahmen.

Nach einer kurzen Rast mit netter Unterhaltung zogen wir wieder weiter, hinein in den Leirufjörður, den „Lehmfjord“. Er ist dicht bewachsen, mit Birkengestrüpp an den Hängen, dazwischen Blaubeerkraut und Teppiche von Storchschnabel. Der Gletscher ist hier sehr zerklüftet und reicht bis in den Fjord herunter, wo sich ausgedehnte Schlickfelder befinden. Es muss eiskalt sein, dort barfuß durch den Gletscherschlamm zu waten; zum Glück übernahmen das die Pferde für uns! Wir ritten quer hinüber und vorbei an Leira, einem verfallenen Gehöft. Hier steht auch ein prächtiges Sommerhaus des Sparkassendirektors von Bolungarvík. Unglaubliche Blumenpracht, Storchschnabel, Alpenhelm, Hahnenfuß, Knabenkraut, alles auf einem Fleck.

Sodann führt eine flache und gut passierbare Anhöhe hinunter zum alten Gehöft Kjós. Hier wird gerastet und eine Kleinigkeit gegessen. Es ist schön in Kjós, bei gutem Wetter sieht man bis nach Slétta, über die Jökulfirðir, die „Gletscherfjorde“, hinaus auf die offene See und in den Hrafnfjörður, den „Rabenfjord“, hinein. Zwischen den Ruinen des alten Bauernhauses erkennt man noch die Überreste eines Ofens und eines Wasserrohres zum Kühlen der Milch. Einige Fichten gebeugt vom Wetter, das hier ungezügelt spielt, Sumpf-Scharfgarbe hangelt sich um die Ruinen, riesiggewachsener Rhabarber in einer Gartensenke. Der silbern glitzernde Hausbach stillt unseren Durst. Hier wohnten Tómas und Ragnheiður, bevor sie später in das Gerberhaus von Grunnavík zogen. Ragnheiður war die Hebamme des Bezirks; sie hatte sehr weite und schwierige Wege zu bewältigen, bei jedem Wetter, um die Frauen auf den abgelegenen Höfen zu erreichen, und soll dabei außerordentlich zäh und unerschrocken gewesen sein.

Das Wetter hielt sich trocken und mild. Nun lag der Hrafnfjörður in seiner ganzen Länge vor uns. Knabenkraut wuchs vereinzelt entlang des Fjords, ansonsten Engelwurz und gelbe Sumpf-Dotterblumen am Strand. Weiter oben, wo der Pfad lag, waren Teppiche von Schwedischem Hartriegel, wie weiße Sterne, außerdem Polster-Steinbrech und nicht zu vergessen Rosenwurz. Wir sahen Singschwäne und einige wenige Eiderenten, Seehunde tummelten sich auf den Steinen, aber die Vogelwelt an Land war nach wie vor artenarm. Ein einzelner Wiesenpieper und ein einsamer Goldregenpfeifer zwischen Leirufjörður und Kjós.

Vor der Sandbank bei Hrafnfjarðareyri lag ein Boot und am Grab von Fjalla-Eyvindur, dem Geächteten, standen zwei Männer, Guðmundur Jakobsson aus Reykjarfjörður und Thorvaldur Björnsson. Sie waren dabei, die Fuchsbauten im Naturschutzgebiet zu markieren. Die Polarfüchse vermehren sich hier stark, weshalb man sich über den Zustand der Vogelwelt nicht zu wundern braucht. Hrafnfjarðareyri war ein sehr einsamer Hof, seine Bewohner werden kaum von viel Besuch geplagt worden sein.

An der Nothütte hinten im Fjord trafen wir einen munteren Wanderer, der dort auf seine Gefährten wartete, die über die Hochebene Skorarheiði kamen. Sie waren acht Tage an der Nordostküste unterwegs gewesen und hatten jeden Tag Regen gehabt. Wir fanden, uns glücklich schätzen zu können, dass wir es bis hierher trocken gehabt hatten. Und nun wirkte es sogar aufgelockerter gen Osten.

Vom Fjordschluss ritten wir in Richtung Gýgjarsporshamar, der wie ein riesiges Trollschloss aus der grünen Ebene emporragt. Dort rinnt der Fluss Skorará in sanften Biegungen dahin und liegt da wie ein Burggraben, wenn man den Vergleich fortsetzen möchte. Eigentlich ist der Gýgjarsporshamar ein alter Eruptionsschlot, hier hinten im Fjordschluss befand sich nämlich vor Urzeiten ein Vulkan, ein anderer war in der Kaldalón. Der Fluss Skorará kommt längs des Pfades, den wir nehmen wollten, schäumend den Hang herunter, und in ihn fließt von Süden her ein zweiter, der mit seiner reißenden Strömung schwer passierbar ist. Ein Versuch ist allerdings überflüssig, da über ihn eine gebogene Holzbrücke geht. Die frühere war unter der Schneelast zusammengebrochen, aber diese hält nun besser.

Wir rasteten in den Mäandern beim Hamar, der 400 m hoch in den Himmel ragt. Ganz ebene, dicht bewachsene Halbinselchen befinden sich in seinem Schutz. Nun sahen wir plötzlich Menschen den steilen Pfad von der Hochfläche herunterkommen. Zuerst einen, dann nach langem Abstand einen zweiten, schließlich erschienen drei oder vier auf der Kante und am Ende waren es 26 Wanderer.

Wir stiegen langsam bergan und führten die Pferde am Zügel. Eine Freude war es, zurückzublicken und die Pfadränder geschmückt mit Gletscher-Hahnenfuß zu sehen. So gelangten wir nach oben, es hatte sich aufgelockert. Der See Skorarvatn lag nicht weit von der Kante entfernt und darüber ragte der Hattarfell. Der Pfad führte zunächst südlich und dann östlich des Sees entlang. Der Weg war markiert, der Pfad deutlich, aber alles war sehr nass nach den Niederschlägen der vergangenen Tage.

Nun waren wir hinüber an die andere Kante gekommen und schauten hinunter in den Furufjörður, den „Kiefernfjord“, der sich vor unseren Füßen auftat. Die Svartaskarð, „Schwarze Scharte“, war in Nebel gehüllt und entzog sich unseren Blicken. Aber im Tal sahen wir völlig ebenes Flachland, durch das sich der Fluss in zahllosen Mäandern dahinschlängelte, sodass man das Gefühl hatte, plötzlich nach Südisland gekommen zu sein.

Der Weg hinunter in die Ebene war recht lang und beschwerlich. Jenný und ich nahmen uns trotzdem die Zeit, einige schöne essbare Pilze zu sammeln, die am Pfad wuchsen; auf der gesamten Tour sahen wir keine weiteren. Und dann ging die Post ab! Die Pferde genossen es und wir ebenso, über die Moorwiesen, die Bäche und das Flussdelta zu jagen. Zwischen Gletscher und Meer heißt der Fluss Furufjarðarós, „Kiefernfjorddelta“. Oberhalb der alten Kapelle ging es durch einen dichten Wald aus Engelwurzpflanzen und schließlich auf eine sandige, grasbewachsene Anhöhe zum Strand hinab.

Thórður und Guðmundur gingen zum Haus, um die Leute vom Furufjörður zu treffen und den Ofen und die Zeltstangen zu holen, die noch von der letzten Tour dort aufbewahrt waren. Ich bemerkte große Büschel der Bach-Nelkenwurz und hatte das Gefühl, eine alte Jugendfreundin aus meiner Heimat Aðaldalur in Nordisland zu treffen; am Ísafjardardjúp ist sie, soweit ich weiß, sehr selten. Nahe der Flussmündung lagen große Stapel von Treibholz. In ihnen wohnte eine Polarfuchsfamilie und ging dort ein und aus, als wüsste sie nichts von den Menschen.

Die Männer kamen zurück und überbrachten uns Frauen die Einladung, ebenfalls im Haus vorbeizuschauen. Das nahmen Jenný, Helga und ich gerne an. Das große prächtige Blockhaus war 1991 gebaut worden. Die Eigentümer sind fünf Geschwister, von denen vier nun da waren, um den Großteil des Sommers im Furufjörður zu verbringen. Und hier kommt wahrlich keine Langeweile auf! Am Strand gibt es unerschöpfliche Vorräte an Bauholz und auch an Brennholz mangelt es nicht. Es ist ein traumhafter Ort, doch da hier manchmal schwere Stürme toben, muss alles bestens in Stand gehalten werden.

Nachdem wir Tee und Kaffee getrunken und das Haus angeschaut hatten, gingen wir zurück zu unseren Gefährten, die inzwischen das Zelt aufgebaut hatten und dabei waren, den Ofen anzuzünden. Das dauerte recht lange, denn das gesamte Holz war nass vom Dauerregen der letzten Tage. Guðmundur saß mit einem großen Messer da und spaltete Hölzer zum Anzünden. Er sah dabei ganz gefährlich aus und wurde mir zum Dichtstoff:

Orð hans voru ekkert stam
er hann tók að hrella mig
Þegar hann er í þessum ham
þá er best að vara sig.

„Seine Worte waren kein Stottern,
als er begann, mir zu drohen.
Wenn er in dieser Laune ist,
sollte man besser vorsichtig sein.“

Guðmundur lächelte bloß sanft.

Thórður hatte Jenný ganz am Anfang der Tour gefragt, welches Pferd sie reiten wolle, und jetzt, am vierten Tag, hatte sie Worte zur Antwort gefunden:

Eitthvað ljúft og þægt og þýtt
þarf ég undir hnakkinn
Ef að leiðin gerist grýtt
geti ég treyst á blakkinn.

„Etwas Liebes, Braves, Sanftes
brauch ich unter’n Sattel.
Wenn der Weg steinig wird,
möchte ich auf das Pferd vertrauen können.“

Schließlich gelang es, Feuer zu machen, dabei halfen die Teelichter, die aus Ísafjörður mitgekommen waren. Zum Abendessen gab es gewürzte Lammkeule mit allerlei Zutaten, köstlich!

Ein ereignisreicher Tag war zum Abend gekommen. Nun stand am nächsten Tag die Svartaskarð auf dem Programm, und da war es sicherer, bei den Naturmächten ein gutes Wort für uns einzulegen:

Sendi Guð úr Svartaskarði
sótaþoku í nyrstu myrkur
Okkar götu og vegi varði
verði okkur hlíf og styrkur.
(Ása)

„Möge Gott aus der Schwarzen Scharte
den dunklen Nebel in die nördlichsten Finsternisse senden.
Unsere Pfad- und Wegmarkierung
sei uns Schutz und Stärkung.“

Damit schlief ich ein, hatte jedoch zuvor meine Gefährten mit einigen alten Sagen und Balladen in den Schlaf gesungen.

20. Juli. Der fünfte Tag.

Dieser Morgen im Furufjörður wurde gemütlich angegangen. Nebel hing bis in die Ebene herunter und es nieselte. Thórður sagte, dass es gegen seine Natur wäre, als erster aufzustehen. Aber schließlich gab er nach und begann, Feuer zu machen.

Þoka úti, þoka inni
það ég finn á mínu skinni.
Þórður klumpa klauf og barði
kvíði’ ég fyrir Svartaskarði.
(Ása)

„Nebel draußen, Nebel drinnen,
das spüre ich auf meiner Haut.
Thórður spaltet und hackt Holz,
während mir vor der Schwarzen Scharte graut.“

Nach dem Haferbrei und allem Zugehörigen pilgerten Jenný und ich zum alten Gehöft Bakki. Jenný hatte früher einmal Mädchen von dort gekannt und nun schien ihr das eine gute Gelegenheit, den Heimathof ihrer Freundinnen zu besuchen.

Zunächst gingen wir jedoch zur Kapelle. Sie war damals auf Wunsch der Bewohner des Furufjörður gebaut worden, da sie zur Kirche von Staður in der Bucht Grunnavík solch einen weiten Weg hatten: eine ausgedehnte Tagesreise. Einige weiße Kreuze stehen auf den Gräbern rund um das Gotteshaus, Namen und kurze Gebetsworte. Es ist immer etwas Besonderes, über solch einen Friedhof zu gehen. Lange Geschichten sind mit einem jeden Namen verbunden. Ein Kreuz aber berührte mich mehr als alle anderen, es stand auf dem Grab eines kleinen Mädchens, das nur wenige Monate alt geworden war:

Ljósgeisli í lágum ranni
lifnaði snöggvast og dó.
Norður í Furufirði
fann ég þá grafarþró.
(Ása)

„Ein Lichtstrahl in einer niedrigen Hütte
flammte ganz kurz auf und erstarb.
Im Norden, im Furufjörður
fand ich dieses Grab.“

Von der Kapelle gingen wir den Pfad hinauf zum alten Gehöft. Unsere Spuren sah man gut im taunassen Gras, aber der Nebel lichtete sich langsam. Vielleicht wurde ja mein Gebet um gutes Wetter auf der Svartaskarð erhört. Wir schauten uns ausgiebig um und konnten die Anordnung der einstigen Bauernhäuser erkennen. Alle Gebäude waren abgerissen worden, als der letzte Bewohner von hier fortzog, und Holz und Stahl wurden ins Ísafjardardjúp verkauft. Hier kommen Ruinen nicht unter die Zähne von Planierraupen, die Zeit kümmert sich um den Verfall. Vieles entschwindet der Erinnerung und gerät ins Schweigen des Vergessens.

Da kommen mir Verse über ein anderes verlassenes Gehöft, Fljótsheiði in der Suður-Thingeyjarsýsla, in den Sinn, die mein Vater einst dichtete:

Þau hildgast hin sorfnu sviðin
er síðasta höndin sló
Og áður en öld er liðin
veit enginn hver þarna bjó.

Um örnefni flestum fatast
þeim finnst ekki nokkur vörn.
Og götuslóðarnir glatast
sem gengu hlæjandi börn.
(Ketill Indriðason)

„Sie kämpfen, die gefeilten Felder,
die die letzte Hand mähte.
Und bevor das Jahrtausend vergangen ist,
weiß niemand mehr, wer dort wohnte.

Die Flurnamen geraten in Vergessenheit,
für sie gibt es keinen Schutz.
Und die Pfade gehen verloren,
auf denen einst lachende Kinder liefen.“

An einer hübschen Böschung, die sich gen Süden neigte, sah ich drei Farben von Storchschnabel, neben der üblichen sowohl Weiß als auch Rosa.

Wir verabschiedeten uns von dem alten Gehöft und begaben uns hinunter zum Meer. Ein weitausgedehnter Sandstrand. Hochgewachsener Strandroggen, wo sich Wasser und Land treffen, und überall Treibholzstapel, manche neu, andere in den Sand gegraben. Ein Weststurm, der hier vor kurzem hinübergefegt war, hatte die großen ebenen Sandflächen zerstört, auf denen sich die Teilnehmer der ersten Tour in diesem Sommer mit Grillen und Ballspielen vergnügt hatten. So schnell können eben die Naturgewalten ihre Laune ändern! Jenný bekam nun hier am Strand viele Aufgaben für ihre Kamera, die Fuchs- und Vogelspuren im nassen Sand waren ideale Fotomotive.

Dann kam die Zeit des Aufbruchs. Um vier Uhr ritten wir los und steuerten die Svartaskarð an. Der Nebel war auf die Mitte der Fjordwände gestiegen. Wir durchquerten Bäche und Flussdelta. In der Ebene sahen wir ein Singschwanpaar mit seinen Küken. Gut, dass sie dort in Nachbarschaft mit den Polarfüchsen leben konnten – wobei die Füchse von den Furufjörðurleuten sicher ordentlich gefüttert werden und außerdem passen Schwäne ja sehr gut auf sich selbst und ihre Jungen auf.

Thórður sagte mit tröstender Stimme, dass es völlig ungefährlich sei, den ersten Teil des Steilhanges hinaufzureiten. Ragnheiður von Kjós sei immer über die Svartaskarð geritten. Trotzdem stiegen wir bald vom Pferd, schließlich waren wir keine Hebammen. Wegen des Nebels sah man wenig vom Pfad, aber wir merkten alle deutlich, dass es beständig höher und höher ging. Gleichzeitig gab es mehr und mehr Geröll und immer weniger Vegetation. An einer Stelle eine silberklare Quelle umgeben von leuchtend hellgrünem Moos und schöne Grasbülten, die den Pferden gut schmeckten. Wir kannten diesen Ort schon von den unzähligen Fotos vergangener Touren.

Weiter, höher und höher. Da fiel einem die „Sage von der Seele des Jón“ ein und es hätte wohl niemanden erstaunt, wenn uns plötzlich irgendwelche Wesen entgegengekullert wären und boshaftes Gelächter dazu erschallt wäre. Aber man hörte nichts als die Rufe derer, die die Packpferde vorantrieben, und weiter tappte man, mit müden Beinen und von Zeit zu Zeit etwas außer Atem. Aber schließlich war die Kante erreicht. Die letzte Steigung hinter sich, und da stand die Gruppe oben und genoss die Aussicht – in den Nebel!!!

Wenn es das Wetter zulässt, sieht man von der Scharte den Drangajökull in seiner vollen Breite und im Norden bis zum Hornbjarg. Aber jetzt gaben wir uns mit den Schilderungen der erfahrenen Leute zufrieden und gönnten uns Trockenfisch, Schokolade und Kekse und tranken klares Wasser dazu. Auch wurde zur Technik gegriffen und Freunden und Verwandten der Ort durchgegeben. Gelobt sei N.M.T.! Selbst eine Frau in Bonn wurde darüber informiert, wo sich ihre Tochter gerade befand.

Und wieder brachen wir auf, diesmal aber ging es bergab. Der Steig in der Svartaskarð ist äußerst schmal, umso mehr bewunderten wir die tüchtigen Pferde, wie sie festen Tritt fanden, ohne zu stolpern. Wir gelangten ohne Unfälle hinab auf eine ziemlich große flache Felsterasse mit Lehm und Kies und dann auf eine zweite. Dies war der Abstieg in den Tharalátursfjörður.

Im Talgrund grüne Ebenen und ein Gletscherfluss zwischen Lehmfeldern. Der Fluss war am Ostufer sehr reißend. Wir hatten gehört, dass er den Wanderern in diesem Sommer Schwierigkeiten bereitet habe. Weidenröschen schmückten die Lehmfelder und standen hier in voller Blüte; soviel sahen wir von dieser Pflanze sonst nirgendwo. Wir rätselten, wo wohl der Hof gestanden haben mochte, der den gleichen Namen trägt wie der Fjord, aber tappten im Dunkeln, bis uns Thórður später vom Reykjarfjardarháls hinab den Standort des Hofes zeigte. Er war auf der Seite zum Furufjörður hin, eine winzige grüne Halbinsel mit Hahnenfuß unter den Felsbrocken. Es hieß, auf der Seite des Hofes, die zum Hang zeigte, habe es keine Fenster gegeben, weil man dort nichts als Geröll gesehen habe.

Der Reykjarfjarðarháls ist ein niedriger Bergrücken mit dichtem Bewuchs und einigen Moorsenken, leicht zu ersteigen und gut zum Reiten geeignet. Alpenstrandläufer und ein Regenbrachvogel ließen sich hören, ansonsten gab es bedauerlich wenige Vögel, und ich dachte plötzlich, was für eine beträchtliche Menge Schafe doch nötig ist, damit das Land Leben und Farbe bekommt. Immernoch ruhte Nebel auf dem Drangajökull, aber Geirólfsgnúpur und Reykjarfjarðargnúpur kamen in Sicht. Der Bergrücken ist ziemlich breit, aber gut mit Steinwarten markiert. Der Reitpfad führte recht lang über Felsterassen, die sich eine nach der anderen ablösten. Dann sahen wir hinunter in den Reykjarfjörður. Viel Flachland mit Felsburgen und Geröllhügeln, sorgfältig poliert und gefeilt von der Gletscherzunge, die einst darüber lag. Die Rosse waren willig und nahmen gute Galoppstrecken zwischen den Steinhügeln und Anhöhen, sodass wir bei dieser Gelegenheit unsere Stimmen erklingen ließen und „Ríðum sveinar senn“, „Nú yfir heiði háa“, „Ég berst á fáki fráum“ und weitere Reiterlieder sangen.

Über die alte Heuwiese vom Reykjarfjörður ging es zu den Schafställen, wo Bauer Ragnar auf uns wartete – in seinem Land Cruiser, der im letzten Winter über den Gletscher hierher gefahren worden war! Welch eine Überraschung, nach tagelangem Ritt durch die Wildnis plötzlich solch ein Fahrzeug zu erblicken! Ragnar nahm uns die Satteltaschen ab und lud sie ins Auto. Die Pferde wurden eingezäunt, Sättel und Zaumzeug in die Schafställe gebracht, dann gingen alle zum Haus – außer mir, als Alterspräsidentin der Tour war mir angeboten worden, im Auto mitzufahren.

Jenný, Helga und ich wurden im Wohnhaus einquartiert. Die drei anderen bekamen die „Hytta“ zur Verfügung, ein Häuschen, das nach norwegischem Vorbild aus Treibholz gezimmert ist; drinnen sind vier Stockbetten und eine Kochgelegenheit, alles sehr gemütlich und praktisch eingerichtet.

Es tat gut, ins Haus zu kommen und die Fürsorge Lillas zu genießen, und die braucht man denen, die Lilla vom Reykjarfjörður kennen, nicht zu beschreiben. Gutes Essen, die liebenswürdige Art, und schließlich das heiße Schwimmbad als Krönung. Und da enstand dieser Vers:

Riðið var í Reykjarfjörð
rassinn talsvert aumur
Logn og blíða, loðin jörð
og laugin alveg draumur.
(Auður & Guðmundur)

„Geritten in den Reykjarfjord
mit ziemlich wehem Hintern.
Windstille und blauer Himmel, grasbewachsene Erde
und das Schwimmbad ein wahrer Traum.“

21. Juli. Der sechste Tag.

Ich erwachte morgens um halb fünf, und siehe da: Die Nebelkappe war vom Drangajökull verschwunden und dort lag er mit seinen Felsspitzen Hljóðabunga, Reyðarbunga und Hrolleifsborg. Die Jökulbunga schneeweiß und unberührt. Der Miðmundafjall wie eine riesige weibliche Brust und der Reykjarfjarðarháls im Westen mit der Svartaskarð darüberragend. Alles in rosarote Morgensonne gebadet. Man tat einfach einen Atemzug und sog diese Schönheit in sich auf, aber dann war es gut, sich noch einmal hinzulegen und wieder einzuschlummern, in der Gewissheit, dass dieser Tag wundervoll werden würde.

Und das wurde er. Wir faulenzten ein wenig, gingen ins Schwimmbad, dann saßen Jenný und ich an einer gemütlichen Böschung, schrieben und plauderten, betrachteten Teppiche der Strand-Platterbse – die gesellte sich hier zur Flora hinzu – und schielten nach den aggressiven Küstenseeschwalben, die ihre Brut verteidigten.

Schließlich gingen wir alle auf eine lange Wanderung ins Tal hinein, dem verlassenen Gehöft Kirkjuból entgegen. Der Fluss oder besser gesagt das Flussdelta war so tief, dass wir nicht hindurchwaten konnten, außerdem gab es viele Pflanzen im Wasser. Auður und Guðmundur steuerten die Berge an, wir anderen schlenderten am Fluss entlang und sahen viel Schönes, zum Beispiel eine Ente mit neun Jungen auf einem Hügel, der mit hohem Teich-Schachtelhalm bewachsen war. Auch wuchs hier die Strand-Platterbse in großen Teppichen. Wir saßen eine Weile südlich unter der Viðarborg, einer vom Gletscher gefeilten Felsenburg, die ihren Namen vom Treibholz hat, das man vom Strand hier herauf schaffte. Thórður zeigte uns die Hochfläche Fossadalsheiði, die hinüber in den Bjarnarfjörður führt, aber wir waren uns alle einig, dass wir weder Geirólfsgnúpur noch Skjaldabjarnarvík verpassen durften, die liegen auf dem anderen Weg in Richtung Drangar.

Zum Abendessen gab es gebratenen Papageitaucher, eine wahre Delikatesse! Dann gingen wir den Pfad zum Meer hinab auf einen langen ausführlichen Erkundungsgang. Die Küstenseeschwalben waren angriffslustig, sodass wir Stöcke und Stangen über unsere Köpfe hielten und aussahen, als zögen wir in den Kampf. Die Fotos von diesem Spaziergang sind köstlich!

Schließlich gelangten wir zur Fischerhütte und dort gab es nun so vieles zu sehen und das meiste so fremd, zumindest für meine Augen, dass ich aus dem Staunen nicht herauskam. Treibholzstapel roh und bearbeitet, alte und neue Boote und allerlei zugehörige Gegenstände. Die See wusch und mahlte an den Schären und an der Landungsbrücke. Geirólfsgnúpur und Sigluvíkurhlíð gebadet im Sonnenrot und der Abendhimmel in den schönsten Farben der Sommernacht.

Auf dem Heimweg gingen wir am Strand entlang und beobachteten die Eiderenten mit ihren Küken in langer Reihe auf dem Wasser. Es war faszinierend, diese Daunenbällchen auf den Wellen hüpfen zu sehen. Allerdings gibt es vieles, was diesen kleinen Geschöpfen zum Verhängnis werden kann, und wir fanden zahlreiche tote, sowohl am Strand als auch ringsum. Da hatte das nasskalte Wetter der letzten Tage seine Opfer gefordert, außerdem ist der Polarfuchs ein gefährlicher Feind und setzt ihnen schlimm zu. Bauer Ragnar ist unermüdlich damit beschäftigt, die Brut der Eiderenten zu beschützen, und dabei sind die Küstenseeschwalben seine besten Verbündeten; aber weil sie so gewaltsam zuhacken, sieht man Ragnar außerhalb des Hauses niemals ohne Helm auf dem Kopf. Zwanzig Füchse hatte er in diesem Sommer bereits geschossen, während wir unterwegs waren, und später kamen noch viele hinzu. Es ist wohl auch kein Zufall, dass wir auf unserer gesamten Route kaum Küstenseeschwalben zu sehen bekamen, außer eben im Reykjarfjörður und in Drangar, wo sich Menschen den ganzen Sommer über aufhalten.

Durch den Strandroggen, der nun viel dichter hier wächst, seit es keine Schafe mehr gibt, gingen wir zurück zu den Häusern und begaben uns zur Ruhe. Immernoch lag ein rosafarbener Glanz über dem Gletscher.

22. Juli. Der siebte Tag.

Zunächst genauso klar wie der gestrige Tag, aber später zog Nebel auf. Es war schon nach Mittag, als wir aufbrachen. Wir aßen ein vorzügliches Frühstück, unter anderem sauer eingelegtes Seehundfleisch – unglaublich lecker! Unser Gastgeschenk lautete folgendermaßen:

Riðið var í Reykjarfjörð
rausnagarðinn svinna
Himnaríki er hér á jörð
og höfðingja að finna.
(Ása & Jenný)

„Geritten in den Reykjarfjord,
den üppigen Paradiesgarten.
Das Himmelreich ist hier auf Erden,
und edle Leute sind zu finden.“

Die Rosse waren willig, im wilden Galopp ging´s nach Osten zum Fluss Reykjarfjarðarós. Dann führte der Pfad am Steilhang entlang in die Sigluvík hinaus, eine kleine Bucht am Geirólfsgnúpur; von dort geht der Pfad weiter hinüber in die Bucht Skjaldabjarnarvík. Der Hang ist sehr steil und steinig. In den Kanten sind viele Felswände mit reichlich Geröll, das herunterkommen kann, aber zwischen den Steinen wachsen hübsche Blumen, und reizvolle Buchten und Felsformationen befinden sich unten am Strand. Die gleiche Vegetation wie anderswo, aber an einer Stelle sah ich rosaroten Storchschnabel, wunderschön! Flügel und Federn entdeckten wir vielerorts, das waren die Spuren vom Polarfuchs.

Wir führten die Pferde am Zügel, denn der Pfad war äußerst schmal, aber alles verlief gut, und bald sahen wir in die Sigluvík hinein, wo hohe Treibholzstapel liegen. Jetzt war die See blau und glatt und die Wellen waren sanft und langgezogen, aber man konnte sich leicht vorstellen, wie sie bei Sturm ungebrochen vom Meer anrollen und die Baumstämme in wildem Zorn vor und zurück und schließlich weit aufs Land hinauf schleudern. Die Pferde staksten über das älteste Holz, das bereits von Strandkamille und Gänsefingerkraut überwuchert war, und bogen dann auf den Pfad, der an einem kleinen Fluss entlang auf den Bergrücken hinauf und dann hinüber in den nächsten Fjord führt.

Als wir auf dem Rücken angelangt waren, machten wir einen Abstecher und steuerten in unzähligen Serpentinen den Geirólfsgnúpur an. Auf einer Felsterasse weit oben am Berg zäunten wir die Pferde ein, aßen ein bißchen Proviant und machten uns fertig für die Wanderung. Leider zogen immer mehr Nebelschleier auf und es war klar, dass die Aussicht ziemlich enttäuschend sein würde. Aber egal, hinauf mussten wir! Helga hatte jedoch mit ihrem verletzten Bein keine Lust auf solch eine Kletterei und ging stattdessen zur Steilklippe.

Es weckt Erstaunen, wie gut bewachsen dieser hohe Berg doch ist, mit vielen verschiedenen Pflanzen! Ich glaube, dass kaum irgendwo der Wind schärfer und schneidender bläst als an diesen Hängen. Wir brauchten etwa eine halbe Stunde bis zum Gipfel. Dort steht eine gute, große Steinwarte, an deren Fuß sich ein Kasten mit einem Gästebuch befindet.

Der Nebel begann, uns völlig einzuhüllen. Man hatte nur eine vage Ahnung von der bedrohlichen Höhe, in die wir gekommen waren, und blinzelte in das verschwommene Land, in Richtung Drangar und zum Hornbjarg. Allerdings freute ich mich an der Vegetation hier oben. Schöne Kuhblumen befanden sich im Windschutz der Steine und selbst Zweige der Arktischen Grauweide bogen sich auf der Leeseite über die allerhöchste Kante.

Nachdem wir einige kluge Worte ins Gästebuch geschrieben hatten, stiegen wir wieder hinunter. Thórður lief voraus, um nach den Pferden zu sehen – das wär eine schöne Überraschung gewesen, wenn sie aus der Umzäunung ausgebrochen wären! – aber wir anderen gingen langsam und hefteten die Augen an hochgewachsenen Frauenmantel und Farnbüschel am Westhang. Dort war auch ein zutrauliches Schneehuhn.

Als wir zurück zu den Pferden kamen, trafen wir dort zwei norwegische Wandersfrauen und wenig später eine Frau und einen Mann, die jeweils mit zwei Wanderstöcken gingen, allesamt waren sie auf dem Weg auf den alten Geirólf. Wir sagten, dass es hier wohl bald wie auf dem Laugavegur zugehen würde! Es war besonders lustig, die Norwegerinnen wiederzutreffen, denn wir waren hinter dem Fluss Reykjarfjarðarós an ihnen vorbeigekommen, dann hatten sie uns in der Sigluvík wieder eingeholt und jetzt waren sie hier. Doch nun trennten sich unsere Wege. Sie entschwanden hinauf in den Nebel, während unser Pfad nach Norden hinab ins Tal Norðdalur führte, in Richtung Skjaldabjarnarvík.

Der Weg abwärts ist sehr steil und im Talgrund liegen nasse Moorwiesen. Ein Fluss rinnt in sandigem Bett dort entlang, hat aber wenig Strömung, sodass wir im Wasser reiten konnten. Das ist weiter unten der beste Weg, denn so entkommt man den Morastlöchern und Lehmfeldern.

Die Skjaldabjarnarvík liegt zwischen den Tälern Norðdalur und Sunndalur. Es ist eine kleine Bucht mit üppiger Wiese, dort befindet sich auch ein Grab. Wir rasteten eine Weile. Die Pferde schlugen sich freudig mit dem grünen Gras die Bäuche voll und mir kam der Umzug hierher aus dem Tal Hraundalur bei Laugaland in den Sinn. Es war um 1920, als Pétur und Sigríður, die dort wohnten, beschlossen, im Spätwinter mit ihrer Habe umzuziehen. Sigríður war schwanger, aber das Wetter war gerade günstig. Sie wollten zu Fuß über den Gletscher gehen und dabei ihre Schafe vor sich her treiben. Doch als sie in die Berge kamen, schlug urplötzlich das Wetter um. Sie machten glücklicherweise kehrt, aber es hatte nicht viel gefehlt und es wäre schlecht ausgegangen. Der Umzug konnte dann erst später im Frühling stattfinden. Die Eheleute hatten im Norden Verwandte, aber die Entfernungen zwischen den Höfen waren hier größer als im Hraundalur.

Sunndalur war die nächste Etappe. Ziemlich steinig und dicht von Moos bewachsen und alles noch karger als bisher. Dann schlossen sich Geröllhänge an, der Pfad hatte viele Serpentinen und ich entschied, zu Fuss zu gehen und Goði die Führung zu überlassen. Hier erfreuten vor allem Gemeine Grasnelken und Alpen-Lichtnelken das Auge. Hjarandaskarð heißt der Pass, den wir überqueren mussten, von ihm sieht man über den Bjarnarfjörður und bis nach Drangar.

Der Weg hinab in den Bjarnarfjörður ist furchtbar steil und äußerst schlecht begehbar, mit Schneeverwehungen auf dem Pfad, rutschig und abschüssig; man glaubt, geradewegs senkrecht in den Fjord hinunterzublicken. Aber sobald man unten angelangt ist, gibt es vieles, was Herz und Sinn erfreut. Wir ritten auf gutem Pfad über eine grasbewachsene Anhöhe und dann am Strand entlang, der wie ein botanischer Garten aussah. Riesig große Büsche von Rosenwurz, Teppiche von Strand-Blauglöckchen von mindestens einem Meter Durchmesser, daneben Engelwurz, Strandkamille, Strandroggen, Storchschnabel, Alpenhelm und viele, viele andere.

Hinten im Fjord durchquerten wir das flache Wasser und dann ging es wieder in Richtung offene See. Der Pfad führte auf und ab, entweder am Strand oder oberhalb des Steilufers entlang. An einer Stelle blinkte ein Hufeisen, es war auf der ersten Tour dieses Sommers verlorengegangen und kam nun als Ersatz für das Eisen, das Hæra auf der Snæfjallaheiði verloren hatte – guter Ausgleich also. Die Seehundjäger von Drangar waren dort im Fjord zugange, aber wir trafen sie nicht.

Alles verlief zufriedenstellend. Wir sahen die alten Höfe Meyjarsel und Skaufasel, jeden auf seiner Fjordseite, dann bogen wir um einen hohen Berg und blickten hinauf ins Tal Meyjardalur, von wo der Weg über den Gletscher führt. Weiter geradeaus ging es, bis schließlich die Rosse auf die Heuwiese von Drangar rannten. Hier war der Platz für die Nacht.

Jetzt war einiges bei uns los, die Pferde stürmten in alle Richtungen über die Wiese und es dauerte einige Zeit, bis wir sie wieder eingefangen hatten. Thórður und Guðmundur gingen zum Wohnhaus, um Zeltstangen, Ofen und Proviant zu holen, und hielten sich dort ein Weilchen auf. Aber dann kamen sie zurück und wir bauten das Zelt auf und kochten. Das Dosengulasch schmeckte hervorragend und dann ein weiterer Segen, der unvergessene Espresso, den Thórður denen servierte, die wollten; die anderen bekamen Kakao mit Sahne.

Der Nebel hatte sich nun aufgelockert, und bevor wir schlafen gingen, sahen wir den Geirólfsgnúpur in die Abendsonne gebadet. Der Bæjarfjall oberhalb von Drangar war blutrot, draußen im Meer schwammen die Klippen in goldenem Glanz und alles war wie im Märchen!

23. Juli. Der achte Tag.

Beim Aufstehen war es trocken und windstill, der Himmel war jedoch bedeckt, und es war schwer zu sagen, wie sich das Wetter weiter entwickeln würde. Wir kochten Haferbrei und fügten Obstcocktail und einen Spritzer Sahne hinzu. Das nennt sich „Haferbrei á la Drangar“und wurde zum Anlass für den folgenden Morgenspruch:

Gef mér nú væna grautaslembru
gadda ég hana skjótt í mig
Af henni fæ ég ekki þembu
en ætíð er best að vara sig
Og hætta þegar hæst er náð
heilla það eru gömul ráð.
(Ása)

„Gib mir nun eine gute Portion Haferbrei,
ich schaufele sie schnell in mich hinein.
Von ihr bekomme ich keine Blähungen,
aber stets ist es am besten, sich vorzusehen
und aufzuhören, wenn’s am schönsten ist.
Das sind gute alte Ratschläge.“

Jenný und ich gingen zum Wohnhaus, um die Leute zu begrüßen. Ich wollte gern meinen nächsten Nachbarn Guten Tag sagen und Jenný hatte einige dringende Fragen bezüglich ihrer Verwandten und Vorfahren mütterlicherseits.

Wir wurden freundlich aufgenommen und saßen eine Weile in der gemütlichen Küche. Kristinn von Drangar ist nach wie vor ein ungemein stattlicher Mann mit seinem grauen Bart und Anna Jakobína ist immer fröhlich und liebenswürdig. Beide sind inzwischen über achtzig, aber in Drangar verbringen sie jeden Sommer. Vor dem Küchenfenster segelte ein Schwarm Küstenseeschwalben, sie haben ihre Brutplätze direkt am Haus. Im Süden erheben sich die Klippen wie ein Zug von Trollen und im Norden ist der stolze Geirólfsgnúpur ein ausgezeichneter Wetteranzeiger. Hinter dem Haus steht der Bæjarfjall, mit steilen Felswänden im oberen Teil und Geröllhalden weiter unten, und davor nehmen Schären und Sandbänke die Wellen der offenen See in Empfang. Man kann sich gut vorstellen, wie sie hier manchmal an die Klippen donnern.

Wir schauten uns die Fischerhütte an, die sich unten am Landungssteg befindet. Kristinns Söhne sind renommierte Zimmermänner, sie hatten die Hütte gerade frisch restauriert. Sie gilt als das älteste Haus in der Region Strandir und ist nicht nur ein sehr reizvolles Gebäude, sondern auch ein gutes Beispiel dafür, wie früher Natursteine zum Bauen verwendet wurden – und an denen mangelte es hier nun wirklich nicht!

Der Aufbruch zog sich etwas in die Länge, denn Thórður musste noch Sattelzeug reparieren, das kaputtgegangen war. Doch schließlich bauten wir das Zelt ab und beluden zum letzten Mal die Pferde. Das Gepäck hatte sich ziemlich verringert, weil wir das Zelt und alles, was dazugehörte, zurückließen; das wollte Óskar von Drangar mit dem Boot nach Norðurfjörður bringen. – Von dort holten wir es später im Sommer ab, aber das ist eine andere Geschichte. – Aus diesem Grunde hatten es nun die Packpferde viel leichter, und es schien, als spürten sie die Heimreise, denn sie waren unglaublich leichtfüßig und lauffreudig:

Áfram geysist hrossahjörð
hitna brúnir vangar
Kveð ég Dranga, dal og skörð
dýrleg moldin angar.
(Ása)

„Weiter stürmt die Pferdeherde,
erhitzen sich die braunen Wangen.
Ich grüße Drangar, das Tal und die Klippen,
die herrliche Erde duftet.“

Jenný fügte hinzu:

Svaðilfari frændi minn
frækinn ættarsóminn
Ríður eins og andskotinn
og ekki ber hann lóminn.

„Svaðilfari, mein Verwandter,
wackerer Familienruhm.
Reitet wie der Teufel
und stellt sich nicht an.“

Und Litla-Jörp bekam eine Anerkennung:

Litla-Jörp var góð og greið
garpsleg vötnin spændi
Yfir strandir léttfær leið
ljómandi tókst þér frændi.
(Jenný)

„Litla-Jörp war gut und schnell,
tüchtig ließ sie die Seen hinter sich,
über Strände lief sie leichtfüßig –
glänzend ist dir das gelungen, Kamerad!“

Wir ritten den Weg, den wir gestern gekommen waren, ein Stück zurück und schneller als gedacht hatten wir das Meyjardalur, das „Jungfrauental“, erreicht. Niemand weiß, woher sein Name stammt. Es ist furchtbar steinig und karg und wirkt auf den ersten Blick nicht besonders anziehend. Immerhin lässt das Graumoos das Geröll etwas sanfter erscheinen und die Meyjará fließt als schöner Gebirgsbach hinab zum Meer. Der alte Treibholzweg ist noch gut erkennbar. Auf ihm transportierten die Bewohner des Ísafjarðardjúp Jahrhunderte lang mit Pferden ihr Zimmerholz über den Gletscher. Unsere Rosse waren zwar schneller als die Lastpferde damals, doch man konnte noch gut sehen, wie die Enden der Treibholzstämme an den Wegrändern das Geröll zur Seite geschoben hatten, und weiter oben im Tal fanden wir sogar Holzstücke auf dem Pfad.

Das Meyjardalur überraschte mit seiner Schönheit, als wir weiter hinauf kamen. Wir sahen hübsche Wasserfälle und dann ein Bergtal mit weiten, leuchtend grünen Wiesen und ebenen Halbinseln, wo sich der Fluss in sanften Mäandern dahinschlängelte. Früher tummelten sich dort die Schafe von Drangar, doch nun war hier das unangetastete Reich eines Singschwanpaares.

Höher und höher führte der Weg, über Geröllhügel und Schneefelder, die stetig größer und zusammenhängender wurden. Nebel mit Nieselregen zog auf und es wurde deutlich, dass wir keine gute Aussicht vom Gletscher haben würden. Nun, man holte noch mehr Kleidungsstücke hervor, zog zwei Paar Handschuhe an, vertraute dann auf den Führer und dessen Orientierungsgerät und stieg wieder aufs Pferd.

Ich war geschickt darin geworden, beim Absteigen das Bein über den Pferdehals zu schwingen, denn hinter dem Sattel war der Schlafsack befestigt, und für derart kurzbeinige Personen wie mich war es unmöglich, auf herkömmliche Weise vom Pferd abzusteigen. Aber das ist hervorragende Gymnastik für die Hüften!

Ich glaube, es dauert vier Stunden von Drangar bis hinauf zur Jökulvarða, der letzten Steinwarte vor dem Gletscher. Dort ist es Tradition, eine Rast einzulegen und Kakao zu kochen. Doch heute wurde aus diesem Vergnügen nichts. Thrymur, der die Packtaschen trug und zu unserem Leidwesen immer wieder Gelegenheiten abpasste, um sich zu wälzen, hatte dies ausgerechnet jetzt getan. Nun stand er mit den Packtaschen unter dem Bauch hängend da und man konnte ihm die Enttäuschung und das schlechte Gewissen ansehen – er hatte sich der Taschen nicht entledigen können, was zweifellos seine Absicht gewesen war! Nachdem diese Sache wieder in Ordnung gebracht worden war, stimmten alle dafür, etwas Schokolade, Kekse und Trockenfisch zu essen, und dann stiegen wir wieder in den Sattel und zogen los in den Schnee und den Nebel.

Nirgendwo, glaube ich, ist man mehr von der Außenwelt abgeschnitten als auf dem Gletscher. Alles ist so totenstill. Man hört nichts als ein bisschen Knirschen im Schnee, wenn die Rosse hineintreten, und selbst das hört man kaum, weil sie in die Hufspuren des Vorderpferdes treten, und so trotten sie in gleichmäßiger Geschwindigkeit dahin. Die Gletscher war gut begehbar, der Schnee reichte nur bis an die Fesseln. Aber es war seltsam, überhaupt nichts um sich herum zu sehen.

Die Zeit verging. Es kam schneidender Wind auf und Eisregen schlug uns gegen die Wangen. Nur gut, dass der Wind von der Seite und nicht von vorne kam! Der Ritt über den Gletscher dauerte etwa zwei Stunden und es war wundervoll, als langsam die Geröllhügel auf der anderen Seite heller wurden. Und schließlich kam auch die Sonne hervor.

Wie schön, wieder auf bewachsene Erde zu treten, obwohl sie hier oben am Gletscher nicht besonders artenreich ist. Dann führte der Pfad hinab, am Fluss Jökulá entlang und auf einem großen Schneefeld über ihn hinweg. Immernoch befanden wir uns auf dem alten Treibholzweg und ich hatte Mitleid mit den Menschen und Pferden, die hier in alten Zeiten durch dieses unwegsame Gelände klettern mussten.

Dann sahen wir das Tal Skjaldfannadalur von Südosten nach Nordwesten, im Talgrund den Fluss Selá und Laugaland weit hinten in der Ferne. Ein Mutterschaf mit zwei Lämmern sprang erschrocken aus einer Mulde hervor und sah uns mit seinen großen Augen an, und im selben Augenblick fiel mir auf, dass sich die Vegetation verändert hatte, jedenfalls gab es weniger Alpenhelm und Storchschnabel. Ein kurzer Halt am Wasserfall Selfoss und dann weiter heimwärts an der Selá entlang. Flussüberquerung an den Weidenholmen und dann über den Fluss Hraundalsá und über Bäche und Böschungen und heim auf die Hauswiese. Der Ritt zuende und alle in riesiger Freude über den gelungenen Abschlusstag.

Viel Lebenserfahrung hinzugewonnen, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl um viele Stufen erhöht, jedenfalls bei mir. Ich durchlebte diese Tage immer wieder und wieder. Und nun sind die Erinnerungen zu Papier gekommen, vielleicht können so noch mehr Menschen an ihnen Freude haben. Das wäre schön!